Einführung


3. Kategorisierung der Sprüche

Titel, Titelillustration und Titelreimpaarspruch weisen das ‚Rimbökelin‘ und die ‚Werltspröke‘ dem belehrenden und beratenden Spektrum der Literatur des 16. Jahrhunderts zu. Damit kongruent lassen sich die Elemente der Kompilationen, die von diesen Drucken tradiert werden, ganz überwiegend der gnomischen Literatur zuordnen, „die auf Grundtatsachen bezogenes Orientierungs- und Erfahrungswissen in die Form knapp, allgemeingültig und verbindlich formulierter Rede fassen“.5 Das hat auch die Kategorisierung der Sprüche im Zusammenhang mit der vorliegenden Edition ergeben. Bestimmt wurden jeweils (a) der Äußerungsgestus, (b) die Äußerungsintention und (c) das Thema, nach denen sich die Sprüche in der Webausgabe u. a. filtern lassen (s. Hinweise zur Benutzung).

(a) Der Äußerungsgestus der Sprüche kann apodiktisch6 oder situationsgebunden ausgeprägt sein. Apodiktische Sprüche sind mit dem Anspruch auf allgemeine Gültigkeit formuliert, was sich sprachlich in dem Verzicht auf indexikalische Ausdrücke widerspiegelt. Situationsgebundene Sprüche zeichnet die Referenzierung der Äußerungssituation in Form von personal-, lokal- und temporaldeiktischen Ausdrücken 7 aus, mit denen die artikulierte Aussage an einen situativen Kontext gebunden wird. Eine solche Situationsgebundenheit lässt sich bei 367 Sprüchen im WSRB-Corpus erkennen; deutlich mehr Sprüche sind hingegen apodiktisch ausgeprägt (482).

(b) Da gnomische Literatur der Vermittlung von „Orientierungswissen“ sowie von „Normen einer bestimmten Kultur und Zeit“8 dient, kann ihr eine handlungspragmatische Funktion zugeschrieben werden. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, das vorliegende Spruchcorpus aus dem ‚Rimbökelin‘ und den ‚Werltspröken‘ im Rückgriff auf die Sprechakttheorie zu beschreiben, die sich im Kern mit sprachlichen Äußerungen als „kommunikativen Handlung[en]“9 beschäftigt. Zur Bestimmung der Äußerungsintention wird daher auf die sprechakttheoretische Systematik illokutionärer Akte von Searle zurückgegriffen, die zwischen Assertiven (z. B. Feststellen, Behaupten), Direktiven (z. B. Auffordern, Bitten), Kommissiven (z. B. Drohen, Versprechen), Expressiven (z. B. Grüßen, Klagen) sowie Deklarativen (z. B. Definieren, Taufen) unterscheidet. Den weitaus größten Anteil haben die assertiven (570) und die direktiven (202) Sprüche im Corpus. Daneben sind immerhin 52 als expressiv und 25 als kommissiv bestimmt worden. Deklarative Sprüche kommen erwartungsgemäß nicht vor.

(c) Auf welche Phänomenbereiche des menschlichen Erfahrungshorizonts sich die Sprüche jeweils beziehen, wird mit ihrer thematischen Charakterisierung erfasst. Ausgangspunkt dafür ist der Wortlaut der Sprüche selbst, während nachweisbare Verwendungskontexte der Texte jenseits von ‚Rimbökelin‘ und ‚Werltspröken‘ weitgehend unberücksichtigt geblieben sind. Einem Großteil der Sprüche können mehrere Themen zugeordnet werden (besonders bei Priameln), die vorliegende Edition nimmt in solchen Fällen jedoch jeweils nur eine Themenzuordnung vor. Gelegentlich ergeben sich auch Abgrenzungsschwierigkeiten, z. B. zwischen den Themen „Klugheit und Dummheit“ und „Bescheidenheit und Unbescheidenheit“: Ersteres bezieht sich allgemeiner auf vorausschauendes Handeln (eingedenk aller äußeren Umstände), letzteres stärker auf das Ego und die Disposition zur Selbstreflexion. Von den 28 im Abstraktionsgrad teils sehr verschiedenen Themen sind Sprüche zum Thema Gesellschaft, Klugheit und Dummheit, Glaube und Religion sowie Herrschaft am häufigsten. Ausführliche Informationen zu den Themen finden sich in der Einleitung der Buchausgabe, Kap. A.3.1.

In der Zusammenschau der drei Beschreibungskategorien dominieren solche Sprüche, die sich apodiktisch und assertiv (insgesamt 407) über die Verhältnisse in der Gesellschaft oder über Klugheit und Dummheit der Menschen äußern.


5 Eikelmann 1997, S. 732.
6 Mit der Begriffswahl ‚apodiktisch‘ bzw. ‚mit dem Anspruch auf allgemeine Gültigkeit formuliert‘ schließen wir an das Beschreibungsinventar der Forschung für Gnomik (Eikelmann 1997, S. 732), Sprichwort (Eikelmann 2003, S. 486, 487) und Sentenz (Reuvekamp 2007, S. 425) an. Reuvekamp (ebd.) spricht synonym auch von „nicht diskursive[r] Sprachgebärde“. Entsprechend verwenden Bostelmann und Brandt das Begriffspaar ‚apodiktisch‘ und ‚diskursiv‘ zur Beschreibung gegensätzlicher Ausprägungen der Sprachgebärde im Spruchcorpus (Bostelmann / Brandt 2017, S. 345). Demgegenüber führen wir mit der vorliegenden Edition den Begriff ‚situationsgebunden‘ für Sprüche ein, die nicht apodiktisch oder allgemeingültig formuliert sind, sondern deren Äußerungsgehalt lediglich innerhalb einer bestimmten Äußerungssituation Geltung beansprucht.
7 Vgl. z. B. Bußmann 2008, S. 150; Meibauer 2001, S. 12–23.
8 Hrisztova-Gotthardt 2010, S. 24.
9 Staffeldt 2008, S. 168.