Einführung
2. Faktur der Spruchsammlungen
Die ‚Künstliken Werltspröke‘ (WS) und das ‚Schöne rimbökelin‘ (RB) enthalten Sprüche, die auch aus anderen Überlieferungskontexten bekannt sind. Dabei werden – insbesondere bei den mutmaßlich ältesten Drucken RB und WS₁ – die Konturen von drei vorlagenbedingten größeren Sammlungskomplexen sichtbar, und zwar:
- Sprüche aus dem Druck ‚Reynke vosz de olde‘, der 1539 in der Werkstatt von Ludwig Dietz in Rostock hergestellt wurde (‚Reynke‘-Kompilat),
- Sprüche aus dem Druck ‚Dat nye schip van Narragonien‘, der bereits 1519 bei Dietz in Rostock erschienen war (‚Narrenschiff‘-Kompilat) und
- zwischen diesen beiden Kompilaten eine Sammlung von Sprüchen, die so oder so ähnlich handschriftlich tradiert wurden, z. B. in weltlichen Liederbüchern des späten 15. und des 16. Jahrhunderts (Mittelkompilat).
Wer die Sammlungen angefertigt hat, ist nicht bekannt. Wilhelm Seelmann, der 1885 unter dem Titel ‚Niederdeutsches Reimbüchlein‘ die erste Edition des ‚Rimbökelins‘ vorlegte, vermutete – leider ohne Begründung –, dass die Spruchsammlung auf einen Rostocker oder Lübecker Drucker zurückgeführt werden könnte.1 Die Annahme hat einiges für sich. Johann Balhorn der Ältere etwa hat viele seiner Druckwerke auf Titel- und Rückseite mit Reimpaarsprüchen ausgestattet, die so oder in leicht variierter Form auch im ‚Rimbökelin‘ und in den ‚Werltspröken‘ nachgewiesen werden können.2 Ein hinreichender Beweis für die Identität von Kompilator und Drucker ist das jedoch noch nicht.
Mit Blick darauf, dass die ‚Werltspröke‘ über einen Zeitraum von 50 bis 60 Jahren immer wieder neu aufgelegt wurden, deutet sich an, dass die Spruchsammlungen für die Drucker gute Absatzmöglichkeiten versprachen. Dabei ist interessant, dass die Vermittlungs- und Absatzstrategie im Laufe der Zeit variiert und auf diese Weise je andere Publikumsinteressen adressiert wurden. Eine Strategie – womöglich sogar die wichtigste – ist der Anschluss an den Bucherfolg des ‚Reynke vosz de olde‘. Denn nicht nur besteht der erste Sammlungskomplex aus Reimpaarsprüchen, die aus der Glosse der Rostocker ‚Reynke‘-Ausgabe exzerpiert wurden, sondern sämtliche Drucke weisen das Fuchsepos auf der Titelseite auch als einzige Quelle namentlich aus; bei den ‚Werltspröke‘-Drucken WS₄, WS₆, WS₇ werden sogar mit den Titelblattillustrationen Handlungssequenzen aus dem Fuchsepos ins Bild gesetzt. Die Titelformulierungen von ‚Rimbökelin‘ und ‚Werltspröken‘ weichen in anderer Hinsicht aber auch markant voneinander ab: Während das ‚Rimbökelin‘ mit dem Diminutiv bökelin die Sammlung in eine Reihe mit Büchern des späten 15. und des 16. Jahrhunderts stellte, die dem Leser oder der Leserin alltäglicher Begleiter und Ratgeber in geistlichen oder weltlichen Angelegenheiten sein sollten,3 so warb der Titel der ‚Werltspröke‘-Drucke um das Publikum, indem er die Spruchsammlung mit dem Begriff Werlt-spröke als weltliches Pendant zu den im 16. Jahrhundert zahlreich publizierten biblischen Spruchsammlungen charakterisierte.4 Näheres zur Faktur der Sammlungen finden Sie in der Einleitung der Buchausgabe, bes. Kap. A.2 und A.4.
| 1 | Seelmann 1885, S. XIII. |
| 2 | Zum Beispiel VD16 I 44 (e438_wenn-alle; e540_wol-des); VD16 V 448 (e413_ach-wolde), VD16 O 2 (e353_rede-weinich), VD16 V 2846 (e271_hodet-yuw; e690_entechristes-gesellen; e768_nihil-prodest), VD16 V 2846 (e040_de-de), VD16 S 6886 (e154_nemandt-schal), VD16 ZV 327 (e504_och-here; e661_de-up), VD16 S 3632 (drittes Reimpaar auf der letzten Seite mit großer Ähnlichkeit zu e023_so-schon). |
| 3 | Vgl. Bostelmann / Brandt / Braun 2019, S. 150f., und Buchausgabe, Kap. A.2. |
| 4 | Vgl. Bostelmann / Brandt / Braun 2019, S. 151f., und Buchausgabe, Kap. A.2. |